Part 1:Tag 0 oder "mal gucken was die da so tun"

Arbeit war in letzter Zeit ziemlich stressig und ich habe nach einem neuen Freizeit-Ausgleich gesucht. Sport zum Selbstzweck so wie Joggen oder Schwimmen finde ich doof, ich wollte etwas zusammen mit anderen Menschen machen und die meisten Mannschaftssportarten sind mir zu wettkampflastig. Ich möchte friedlich mit anderen zusammen etwas Cooles machen.

Also - was tun?

Viele meiner Freunde sind oder waren im Rettungsdienst und/oder freiwilliger Feuerwehr aktiv und ich fand das immer toll ihnen bei Berichten von ihrer Arbeit zuzuhören. Leider bin ich für die medizinische Versorgung nicht so richtig geeignet (ich kann nicht gut Blut sehen) und Feuerwehr hat mich auch nicht wirklich gereizt. Aber ich bin technisch versiert und hobbymäßig betreibe ich Amateurfunk, woher ich auch die ganzen Rettungsdienstler kenne, die aus dem BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) zum Amateurfunk kamen.

Irgendwie habe ich mich dann mal online umgesehen was es so an Organisationen gibt, bei denen man sich ehrenamtlich engagieren kann und blieb auf dem „technisch“ von „Technisches Hilfswerk" hängen. Was wusste ich über die? Nicht viel ehrlich gesagt.

Das sind die mit den blauen Autos und irgendwie unterstützen sie die Feuerwehr bei Hochwasser oder machen Licht an Unfallstellen damit die Rettungskräfte auch im Dunkeln arbeiten können. Aber rund ums Jahr eine Organisation in Heidelberg beschäftigen, nur weil einmal im Jahr vielleicht Wieblingen unter Wasser steht macht eigentlich keinen Sinn. Also muss da mehr dran sein.

Mal die Webseite durchgesehen was die sonst noch so tun. Da gibt es eine lange Liste von dem was sie "Fachgruppen" nennen. Scheinen die einzelnen Abteilungen zu sein, die es im THW gibt. Wow, das ist schon so einiges; Wasserrettung, Trinkwasseraufbereitung, Bergung, Ortung, und und und.

Sind schon viele coole Dinge dabei.

Mal schauen was die in Heidelberg alles haben. Weiß ja nicht, ob es alle Gruppen überall gibt, aber konnte mir das nicht vorstellen. Tatsächlich, Heidelberg hat als Ortsverband nur ein paar Fachgruppen, aber da war ich auf eine gestoßen, die ich vorher übersehen hatte, weil ich mich auf die technischen Aufgaben konzentriert hatte: Führung und Kommunikation.

Kommunikation klingt für einen IT-ler erstmal interessant. Was tun die denn? Aha. Planen, Informationen sammeln und an die richtigen Stellen weiter verteilen und das alles am Besten über Funk. Genau mein Ding, das will ich auch machen!

Also habe ich einfach über das Kontaktformular eine Nachricht geschrieben, dass ich Lust hätte zu helfen und ein bisschen Erfahrung mit Amateurfunk hätte und mich die FK (wie sie die Fachgruppe Führung und Kommunikation kurz nennen) besonders interessiert und ich gerne wissen würde wie das mit dem Helfer werden funktioniert. Eine Woche später stand ich Montagabends auf dem Hof der Unterkunft des THW Heidelberg.

Der Ortsbeauftragte nahm mich in Empfang und schien sich über mein Interesse zu freuen. Ich meinte, dass ich Bedenken hätte den körperlichen Anforderungen gerecht zu werden, weil ich ein Mädchen bin und immer nur am Schreibtisch sitze und nicht gut schwere Lasten heben kann etc. Aber er hat diese Bedenken recht schnell ausgeräumt und dafür gebe es ja auch die Grundausbildung und eine Probezeit in der ich es dann einfach ausprobiere  und merke ob ich mich wohl fühle etc. Ich durfte mich dann gleich mit in den Grundausbildungs-Unterricht setzen. Im ersten Moment war ich sichtlich überfordert weil mich die ganzen fremden Menschen alle anguckten, das Thema Kennzeichnung von Gefahrstoffen und ich gerade mitten hinein geplatzt war. Danach ging es um Knoten. Da entspannte ich mich. Ich bin früher mal viel geklettert und das waren alles Dinge die ich irgendwie kannte und mit denen ich mich Wohl fühlte. Cool, da gab es was das ich sogar schon konnte und gerne machte!

Danach ging es noch raus auf den Hof wo wir einen von uns als Verletzten mit Seilen an einer Trage festbinden sollten, damit man ihn transportieren kann. Wieder Knoten und die anderen nahmen mich freundlich auf und integrierten mich gleich in die Arbeit.

Ich konnte direkt mit anpacken und am Ende des Abends ging ich mit dem Gefühl nach Hause, dass ich da an einer guten Sache dran war und das auch noch mit tollen Leuten.

Ach ja, und einem riesigen Stapel Papierkram, den ich ausfüllen musste um Helfer zu werden. Schließlich ist das THW ja eine Bundesorganisation. Da geht nix unter 10 Seiten ;-)

Stay tuned, ich bin gespannt wie es weitergeht!

Eure Jacky

Part 2: Der erste "echte" Ausbildungstag

Mein erster "echter" Ausbildungstag als offizielle THW-Helferin in der Grundausbildung war der nächste Samstag. Auf dem Lehrplan standen Stromerzeugung und Beleuchtung. Aber erstmal gab es Frühstück. So konnte ich bei Butterbrezeln und Kaffee erstmal in Ruhe einige Andere Kennenlernen und mich mit ihnen unterhalten. Ein buntes Völkchen saß da um mich herum: Lehramtsstudenten, Physiker, andere aus der IT-Branche, ein Arzt, und Diverse, von denen ich immer noch nicht weiß was sie im Alltag machen, aber für das Helfen im THW ist es eben einfach egal, was du arbeitest oder wie alt du bist oder welches Geschlecht du hast. Hauptsache ist, alle arbeiten zusammen.

Erstmal gab es eine große Portion Materialkunde. Zitat: "Bringt mir alles was mit Strom zu tun hat, aber bitte von jedem nur eins." - Da kommt ganz schön was zusammen. Von der Kabeltrommel, über die Lampen und sonstigen strombetriebenen Geräte, bis hin zu Akkus und Notstromaggregaten. Und von allem muß man wissen, was es ist, wie man es benutzt und wo es in den verschiedenen Autos wohnt. Zum Glück muß ich mir das nicht alles sofort merken, sondern werde es noch ein paarmal sehen, da für mich die Grundausbildung voraussichtlich bis April 2019 geht. Puh, Glück gehabt!

Dann ging es los: Lernen wie man einen Notstromgenerator benutzt, dann Lampen mit Stativen aufstellen und mit Leinen abspannen. Bis alles so funktioniert wie es soll leider mehrfach. Als es dann endlich klappte auf Zeit. Ein bißchen hektisch, etwas chaotisch aber am Ende eben doch erfolgreich, waren wir dann alle mit unserer Arbeit zufrieden. Und lustig ist der verrückte Haufen allemal.

Außerdem gab es noch eine praktische Lektion Knotenkunde. Unser Ausbilder machte die Knoten noch einmal vor, erklärte worauf zu achten ist und wir bekamen jede Menge Zeit zum Üben. Ankerstich... komisches Ding, hatte ich noch nie von gehört. Aber irgendwie sah es vertraut aus. Moment, mal einen anderen Knoten machen den ich kannte. Sieht tatsächlich genauso aus, wie das, was ich vom Klettern als Bulin kenne. Cool, dann kenne ich den ja doch!

Neben mir ging es einem Kameraden genauso, der wiederum hatte Segelerfahrung und fragte sich, ob er das Ding nicht vielleicht doch kennt. Ich wußte, daß der Bulin der Kletterer wohl im Prinzip das Gleiche ist, was die Seefahrer als Palstek bezeichnen, also teilte ich ihm das entsprechend mit und wir waren gemeinsam sehr glücklich über zwei gelungene Knoten mit drei Namen.

Als mein erster Ausbildungstag zu Ende ging merkte ich die Belastung schon ganz schön. Den ganzen Tag auf den Beinen, körperlich arbeiten und das auch noch im Juli bei über 30 Grad. Echt ungewohnt. Ich war platt. Den Sonntag habe ich mich dann nur noch so viel bewegt wie unbedingt nötig. Aber dafür hatte ich einen Haufen neuer Dinge gelernt und mit netten Menschen vielleicht den Grundstein für neue Freundschaften gelegt.

Macht’s gut, ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit allen!

Eure Jacky

Part 3: Bohren, Sägen und im Weg stehen

Die letzten beiden Male Ausbildung fasse ich zusammen, weil nicht so extrem viel passiert ist. Eines schönen Montagabends durften wir "mal was mit Holz machen". Also ging es nach emsigem Geschleppe diverser Holzbalken und -Klötze an das Thema Holzverarbeitung. 
Erstmal stand wieder Materialkunde auf dem Plan. Eine Kiste voll mit Werkzeug und jeder bekam einen Begriff und durfte das zugehörige Item heraussuchen. Was bei "Fuchsschwanz" oder "Zimmermannshammer" noch ein halbwegs lösbares Problem darstellte, wird für einen Schreibtischtäter wie mich spätestens bei "Stechbeitel" zum aussichtslosen Unterfangen. Aber man ist ja schließlich zum lernen da Da sich meine Erfahrung mit Holzbearbeitung im weiteren Sinne auf Laubsägearbeiten in der Grundschule beschränken, muss es sicherlich auch ganz amüsant gewesen sein, mir beim Versuch zuzusehen von einem 10cm dicken Balken ein handbreites Stück mit einer Bogensäge GERADE abzusägen oder mit einem handbetriebenen Bohrer ein großes Loch zum Verbinden zweier Balken hineinzubohren.

Allerdings haben erste Versuche von Dingen, die man noch nie gemacht hat, in einer Gruppe von Menschen, denen es auch so ergeht, die Eigenschaft für sehr viel gemeinsames Lachen zu sorgen. In einer Gruppe mit mehreren Mädels dabei auch gerne mal zum Leidwesen des Ausbilders... Sorry Stefan!
Die meisten von uns gingen nach diesem Abend sichtlich stolz mit ihren (teilweise mit Datum o.ä. beschrifteten) Holzklötzchen nach Hause.
Am vergangenen Montag hatten wir dann ein bisschen Theorie zum Thema Umgang mit Medien. Klar, wenn man an einem Einsatz beteiligt ist kann es schließlich vorkommen, dass man von einem Reporter oder so angesprochen wird, und dann muss man wissen, wer die gewünschten Infos hat und/oder dafür zuständig ist, Informationen an die Presse weiterzugeben.
Dann ging es wieder raus an die frische Luft. Diesmal: Absichern einer Unfallstelle. Szenario: Wir kommen auf einer zweispurigen Straße innerorts an eine ungesicherte Unfallstelle auf unserer Fahrspur und möchten diese mit dem im Auto verfügbaren Material absichern. 
Gegeben waren dazu 5 Pylonen, 3 orangene Blinklampen zum in die Pylonen stecken und ein großes Dreibein mit einem "Unfall" Warnzeichen darauf. Plus den Mannschaftstransportwagen in dem man hypothetisch gerade unterwegs ist und alles was sich darin befindet. 
"Das machen jetzt mal zwei Leute, die das noch nie gemacht haben, das ist für alle anderen viel lustiger." - neee, das ist auch für die zwei, die das machen müssen, viel lustiger! 
Also wackelte ich motiviert mit meinem Kameraden über den Hof und verteilte rotweiß gestreifte Hütchen auf der simulierten Fahrbahn. Wenn das zwei IT-ler machen fallen dabei so Sätze wie "Wir haben fünf Pylonen und drei Lampen, also müssen wir rechnerisch in jede zweite Pylone eine Lampe stecken!". Aber am Ende waren wir von der Ideallösung gar nicht so weit entfernt und haben eine Menge dabei gelernt. Zum Beispiel, dass man sich vorher eine Warnweste anzieht bevor man irgendwas auf einer Straße tut, auch wenn an der Uniform Leuchtstreifen dran sind.
Dann durften nach ausführlicher Erklärung der optimalen Lösung zwei Leute das ganze demonstrieren, die es schon konnten. Ein paar "ausgelernte" Helfer auf dem Hof, die gerade mit ihren Arbeiten fertig geworden waren und uns zusahen, hatten einen Haufen Spaß dabei, eine Gruppe störender Gaffer zu spielen, die die beiden bei der Arbeit behinderten. Einerseits fand ich das auch ziemlich lustig, andererseits frustriert mich der Gedanke ziemlich, dass man als Helfer lernen muss mit sowas umzugehen, weil Menschen genau das tun und mit sowas Rettungs- und Hilfskräfte behindern. 
Da wir noch etwas Zeit hatten und die anderen am vergangenen Samstag (ich war "leider" im Sommerurlaub) Metall- und Gesteinsbearbeitung behandelt hatten, durfte dann zum krönenden Abschluss jeder einmal mit der Hilti ein Loch in eine Betonmauer auf dem Gelände machen und ein Stück von selbiger wegmeißeln.
Muss man ja in der Ausbildung auch mal gemacht haben! Zumindest für mich ist sowas immer ein riesen Spaß.
Gut ausgepowert ging es dann an diesem Abend zu Ende und ich fiel wie immer vollkommen tot zuhause ins Bett. Als Ausgleich zum Büroalltag, wenn man sich auch mal auspowern will, kann ich die Arbeit im THW definitiv empfehlen 
In diesem Sinne gute Nacht!
Eure Jacky